06 Okt 2008 Monatsbericht September Saintes
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Saintes, 02.10.08

Nun ist es also soweit, der erste Monat hier in der Jugendherberge in Saintes ist vergangen und ich tippe den ersten von sechs Berichten, die ich über diese Zeit verfassen werde.
Vor gut vier Wochen bin ich hier in Saintes in der Auberge de Jeunesse zusammen mit David, „dem anderen Freiwilligen“, angekommen. Inzwischen könnte ich auch schreiben mit meinem dicken Freund, aber das könnte bei Lesern, denen die Sachlage vorher nicht bekannt ist, zu Missverständnissen führen. Wie dem auch sei, wir zwei teilen uns ein Zimmer, werden das auch noch für circa elf Monate tun und verstehen uns glücklicherweise prächtig!
Unser Zimmer, wo ich schon dabei bin, ist geschätzte 16 bis 18 m² gross, plus 5 m² Badezimmer, und beinhaltet zwei Betten, zwei Nachttischchen, zwei Computertische, zwei Hocker und zwei porte manteaus, also Garderobenhaken. Ausserdem gibt es eine Mehrfachsteckdose und einen Papierkorb, einen Heizkörper, zwei Leselampen und eine Deckenlampe. Das hört sich vielleicht alles sehr karg an, aber wir haben so viele Klamotten und genug Zeugs, um alles vollzustellen und mit Hilfe einiger Fotos doch relativ wohnlich zu gestalten. Das ist wichtig, denn wenn wir grade mal nicht arbeiten, was ungefähr die Hälfte der Zeit ist, sitzen wir oft in unserer Butze und lesen oder geniessen den für uns kostenlosen W-LAN Internetzugang.
Doch natürlich arbeiten wir auch für unser Taschengeld, zwar nicht wirklich hart, aber dafür 30 Stunden die Woche und somit mehr als 80 % der üblichen Angestellten. In diesen Arbeitsalltag möchte ich in diesem Bericht einen genauen Einblick geben, bzw. versuchen, einen „typischen“ Tag für mich zu schildern.
Mein Reich in der Herberge ist die Küche, und da die meisten Gäste ein Frühstück wünschen, beginnt mein Tag in der Regel relativ früh. Um 6.30 Uhr klingelt also mein nerviger Handywecker (nervig weil mein cooles Realtone-Handy vor einer Woche den Geist aufgegeben hat und mich nicht mehr die Beginner hammerhart wecken) und ich verfluche den Tag an dem die Menschheit beschloss, dass morgens arbeiten am effektivsten ist und man dementsprechend früh aufstehen muss. Mit einem letzten sehnsüchtigen Blick auf mein Bett und den seelig schlummernden Kollegen verlasse ich das Zimmer und beginne um 6.45 Uhr meinen Arbeitstag. Ich mache im Büro die Computer an, schaue nach, wie viele petit dejs mich erwarten und schlurfe in die Küche.
Dort drehe ich als erstes den Gashahn auf, bevor ich die Herdplatten mit meinem (das aus der Küche geht nämlich nur bei einem von zehn Malen) Feuerzeug anmache und in zwei grossen Töpfen Milch und Kaffee warm mache bzw. Wasser koche, um den Nestlé Instant-Kaffee aufzugiessen. Nebenbei schneide ich Baguette und stelle Butter, kalte Milch und Saft in den self, wo sich die Gäste dann bedienen. Am vorherigen Abend werden in der Regel schon Kakaopulver, Tee, Marmeladen, Zucker, biscottes, so Zwiebackdinger, und die bols, in denen hier Stilecht die warmen Getränke serviert werden, bereitgestellt, sodass meine Hauptaufgabe darin liegt, aufzupassen dass die Milch nicht überkocht und zu hoffen, dass das Baguette pünktlich geliefert wird.
Zwischen 7.15 Uhr und 9.15 Uhr sollte ich dann ein Auge darauf haben, den Leuten ihr warmen Getränke auszuschenken und zwischendurch das dreckige Geschirr aus der Tablettrückgabe zu nehmen und entweder in der plonge, der grossen Spülmaschine, zu spülen oder zu stapeln, um es später per Hand abzuwaschen. Wenn allerdings der Tagesplan ein dejeuner oder diner für eine ganze Gruppe vorsieht, beschränke ich meine Tätigkeiten nicht nur darauf, sondern fange nebenbei mit dem Chef schon an zu kochen, der so gegen 7.45 Uhr mit einem verpennten „Salut!“ in die Küche gekommen ist und als erstes einen Kaffe trinkt.
Das Kochen beginnt dann meist mit graisse, Bratenfett, und Geflügel oder anderem Fleisch in der Pfanne und läuft langsam nebenbei, weil hier so gut wie nie aufgetaut wird, sondern lieber alles ganz vorsichtig und auf kleiner Flamme, im wahrsten Sinne des Wortes, angebraten wird. Irgendwann kommen dann Zwiebeln und Knoblauch oder Champignons in die Pfanne, die escalopes oder entrecôtes machen draussen eine Pause und werden, wenn sie sich wieder zu ihrer Deko gesellt haben, mit einem aus leckerem Sossenpulver und Wasser zusammenngerührten Fonds übergossen und zu Ende geköchelt. Nebenbei darf ich dann oftmals schon Gurken, Karotten, Kartoffeln, Cornichons, Tomaten, hartgekochte Eier oder Blumenkohl in wirklich ganz feine Stückchen oder Scheibchen schneiden, „mais fait attention avec tes doigts!“, und im Ofen garen oder mit Mayo und Mais, Thunfisch oder anderem vorher geschnittenen Gemüse zu einem Salat vermischen. Dann ist meistens auch der letzte Gast mit seinem Frühstück fertig, und ich darf Tische und Stühle abwischen, den Saal ausfegen und dann noch Boden und self wischen, bevor ich gegebenenfalls auch noch spüle. Yeah! Knecht! Sklave! FSJler!
Aber halt auch noch cuistot und möglicherweise nach einem Jahr in der Küche sogar cordon bleu, was mich dazu befähigt, nach dem Wischkram die entrées, fromages und desserts anzurichten, bzw. und um es mit Holgers Worten zu sagen, „hinzurichten“! Diese Aufgaben lohnt es sich nicht zu schildern, denn wen interessiert schon, dass auf jeden Käseteller ein Stück Camembert und ein Stück andere Käse gehören, auf jeden Vorspeiseteller ein oder zwei Blätter grüner Salat und eine Portion des vorbereiteten Mayo-Salats mit Garnitur, wie z.B. eine Olive und ein viertel Ei, die Nachtische meist aus dem Kühlregal im Supermarkt sind und ich das alles auf grilles stelle und in die Kühlschränke im self räume? Wohl niemanden.
Ist das alles geschehen und ist es nicht von Nöten, für den nächsten Tag schon vorzukochen -denn da ist mein Chef der König drin, „économiser du temps“ ist sein Lieblingssatz – darf ich gehen, ach nein, „tu passes un coup d’éponge par la et par la et comme ça, tout serait fait et, ouais, bien sur, après,  tu peut t’en aller!“, ich sollte besser noch alles spülen und über alle Oberflächen mit dem Schwamm drübergehen, sowie mit dem Handtuch hinterher trocken wischen, denn das Wasser ist hier extrem kalkhaltig und hinterlässt sonst überall Rückstände! Merkt euch das Kinder: Kalkwasser hinterlässt Spuren! Und schmeckt komisch in Verbindung mit Magnesium-Tabletten, das nur am Rande.
Meine Ironie sei entschuldigt, aber so viele coups d’éponge wie ich hier schon gemacht habe werden andere in ihrem Leben nicht tun, und ausserdem erklärt der wirklich nette Chef mir und auch David manchmal Sachen, die man als Zehnjähriger weiss und auch von zu Hause schon kennt.
However, mein Tag ist dann meist gegen Mittag vorüber, es sei denn ich muss beim servieren des dejeuner oder diner helfen und hinterher –haha- abwaschen.
An anderen Tagen ist allerdings so wenig zu tun, dass ich gar nicht kochen muss, sondern nur dass Frühstück überwache, spüle, den Saal saubermache und dann gehen kann oder, und das ist eigentlich manchmal sogar besser, vom Kollegen „Mr. Bricolage“ Gilles, dem agent d’entretien Polyvalent in die Geheimnisse des Hausmeistertums eingeweiht werde. So habe ich inzwischen schon ein bisschen plomberie (Wasserhahn repariert), electricité (Staubsauger auseinander genommen), jardinerie (Unkraut jäten und Laub fegen) erlebt und war sous sol, um unterirdisch ein Kabel von einem Gebäude ins nächste zu legen. Diese Arbeiten sind richtig gut, bringen mal ein bisschen Abwechslung rein, und Gilles ist ein superlustiger Typ, nur am Sprüche reissen den ganzen Tag, hat mir sofort das Du angeboten und hat echt alles drauf, wenn es um reparieren oder so geht.
So viel zu meinem Arbeitsleben hier, die Freizeitgestaltung ist da schon schwieriger.
Der Fussballverein hatte nur zwei äusserst ambitionierte und somit spasslose Mannschaften zu bieten, der Tischtennisverein hat keine Trainingszeiten aushängen und geht nicht ans Telefon und die charentais Jugendlichen scheinen nicht zu existieren, bzw. nicht in sympathisch wirkenden Ausgaben.
So chillen wir viel am PC, laufen durch die kleine Fussgängerzone und suchen das geheime Level mit dem versteckten H&M, kaufen bei Leclerc Süssigkeiten und reden Müll.
Allerdings versuchen wir auch, so oft wie möglich wegzufahren, sodass ich mit David schon in Royan am Meer, in Angoulême und in Niort war und dort jeweils einen schönen Tag mit shoppen, fotografieren und essen verbracht habe.
Ich alleine war schon ein Wochenende bei Fritz, auch ein SFD-Kollege, in La Rochelle, ohne dass wir uns vorher kannten. Die zwei Tage waren sehr schön, wir haben uns sofort gut verstanden, ich konnte kostenlos in der Jugendherberge nächtigen und werde sicherlich noch öfter dort sein; ausserdem habe ich schon Besuch von einer Freundin bekommen, mit der ich ebenfalls in Royan war. Allerdings war das Wetter besser als bei ersten Mal mit David, sodass wir Ende September noch im Atlantik baden und in der Sonne liegen konnten.
Bislang kann ich also sehr zufrieden und glücklich mit meinem Aufenthalt hier sein, alles geht seinen Gang, der Kollege Benoit hat uns gleich in seinen Freundeskreis aufgenommen und die Sprache wird auch schon besser. Ich bin sehr froh darüber, dass Daviiide mit hier ist, denn alleine oder mit einem nicht so sympathischen Kollegen wäre der Anfang sicher richtig hart gewesen. So konnten wir uns gegenseitig aufbauen, und inzwischen geht es mir blendend, ich fühle mich wohl hier und freue mich über meine Entscheidung und die Möglichkeit, ein Jahr in Frankreich zu verbringen! Herzliche Grüsse aus Saintes und à bientôt!

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